Karin Thürig, als Quereinsteigerin Traum verwirklicht.
Die Tränen flossen schon vor dem Gang aufs Podest. Und als es so weit war, verpasste Karin Thürig beinahe ihren Einsatz. «Bin ich das?», fragte sie Leontien Zijlaard-van Moorsel, die Olympiasiegerin neben sich, als man ihren Namen aufrief. Sie wars. So stieg die 32-jährige Luzernerin hinauf und nahm die Bronzemedaille und den Olivenkranz entgegen.
In Trance schien sie auch ihr Rennen bestritten zu haben. «Alles verging wie im Flug. Ich bin gestartet, gefahren und jetzt habe ich eine Medaille», erzählte Thürig später. «Die Zeit ging extrem schnell vorüber. So ein Gefühl hatte ich noch nie. Das war offensichtlich ein guter Tag für mich.» Mehr sei nicht möglich gewesen. «Ich bin am Limit gefahren und dennoch war ich nie am Anschlag.» Thürig verlor 19 Sekunden auf die zweitplatzierte Deirdre Demet-Barry und 43 Sekunden auf Zijlaard-van Moorsel. «Ich hätte höchstens in den Kurven etwas mehr riskieren können», ergänzte sie. «Aber was nützt ein Sturz?»
Alles passte. Sehr zufrieden war sie mit ihrem neuen schwarzen Rennanzug, der für Bahnfahrer entwickelt worden war. Die Hitze habe sie nicht gestört. «Ich empfand es als angenehm.» Auch die Taktik ist aufgegangen: «Ich habe die Strecke in zwölf Abschnitte eingeteilt und mir für jeden ein Ziel gesetzt.» Die Idee dazu stammt von einem Sportpsychologen, die Umsetzung von ihr. «Es ging auf. Wie ich im Zeitvergleich mit den anderen Fahrerinnen stand, musste ich nicht wissen.»
Priska Doppmann, die zweite Schweizerin, sprach von einer «guten Leistung». Ihre Hoffnungen auf einen Diplomrang erfüllten sich um zehn Sekunden nicht. Sie wurde Neunte.
«Erst am Anfang der Karriere»
Vor vier Jahren verfolgte Karin Thürig am Fernsehen «fasziniert» die Spiele von Sydney. Daraufhin schätzte sie ab, «wo ich meine Möglichkeiten habe». Die frühere NLB-Volleyballerin des BTV Luzern machte vorerst im nicht olympischen Duathlon weiter und wurde 2001 und 2002 Weltmeisterin. Gleichzeitig aber lancierte sie ihre Radkarriere. Im ersten Zeitfahren 2001 wurde sie an der Schweizer Meisterschaft Zweite. Im Jahr darauf folgten der erste Meistertitel und Platz 3 an der WM. 2003 gab sie ihr Debüt auf der Bahn und holte sich in der Verfolgung den Olympia-Quotenplatz, den es im Zeitfahren nicht zu erobern gab. Jetzt ist sie die erste Schweizer Radrennfahrerin mit einer Olympiamedaille und hat noch nicht genug.
«Mein Potenzial ist nicht ausgeschöpft. Das kann ja auch nicht sein, nach nur so kurzer Zeit.» Karin Thürig packt die nächsten Ziele an, denn «für mich beginnt meine Sportkarriere eigentlich erst», sagt sie im Alter von 32 Jahren. «Es ist relativ realistisch, dass ich 2008 in Peking wieder starte.» (ust)
Rennverlauf & Resultate im Liveticker

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